8. März in Bochum: Mit sexarbeiter*innenfeindlichen Gewaltphantasien und akademischen Rumgemackere in den feministischen Kampf

Vorbemerkung: Im Text geht es um eine häufig genutzte Beleidigung, die männliche Kinder von Sexarbeiterinnen abwertet, zur inhaltlichen Verständlichkeit worauf wir uns beziehen haben wir entschieden diese auszuschreiben.

Vorbemerkung 2: Im Text wird häufig von „(patriarchaler) Männlichkeit“ gesprochen.

Empirisch ist es so, dass auch Gesellschaften ohne Patriarchat Geschlechtsidentitäten, wie männlich und weiblich kennen (aber oft/meist noch weitere Geschlechtsidentitäten) mit der Schreibwese „(patriarchaler) Männlichkeit“ grenzen wir von Männlichkeit dort ab. Das ist unabhängig davon, ob es männlich und weiblich als Kategorien weiterhingeben sollte.

Inhaltshinweis: Macker(*innen), Sexarbeiter*innenfeindlichkeit, Eugenik, Transfeindlichkeit, Sexualisierte Gewalt, Diktatur, Mord, Folter, linke Menschenfeindlichkeit

Kurzzusammenfassung

Weil der nachfolgende Text recht lang geworden ist, wurden wir von einer Testleserin gebeten eine Kurzzusammenfassung vorweg zu stellen. Wir würden trotzdem bitten ihn vollständig zu lesen, aber hier ein schnelle Zusammfassung. Die Quellen finden sich in der Hauptversion.

Die feministische Gruppe Furore, welche die feministischen Wochen und den 8. März in Bochum organisiert, hat am 19.02 ein Mobivideo zum 8. März veröffentlicht (Gesichert hier, falls es nicht lädt per Save Page runterladen). In diesem Video werden mehrere Mordversuche dargestellt und es schließt ab mit dem Satz „Ermorde den Hurensohn….“

Das Video basiert auf einem Lied der Rapperin Ikkimel. Die Fremdbezeichnung „Hurensohn“ insbesondere zusammen mit dem Mordaufruf ist stark Sexarbeiter*innenfeindlich. Außerdem kommt im Gesamt-Lied noch Ableismus, Transfeindlichkeit, Eugnik, Verherrlichung sexualisierter Gewalt vor.

Nun könnte davon ausgegangen werden das Ganze sei ein Ausrutscher der Gruppe Furore, doch diese macht während feministischen Wochen eine Veranstaltung, wo sie ohne irgendeine kritische Einordung einen zentralen Text von Alexandra Kollontai liest.

Kollontai hat gefordert Sexarbeiter*innen in Arbeitslager zu stecken und das wahrscheinlich auch umgesetzt. Außerdem war sie als hochrangige Funktionärin an der Niederschlagung der Russischen Revolution, den bolschewistischen und stalinistischen Regime beteiligt.

Im weiteren des Textes beschäftigen wir uns damit warum Sexarbeit ein menschliches Grundbedürfnis befriedigt, aber akademisches (feministisches) Rumgemackere nicht, sowie mit den Hintergründen von Kollontai und Ikkimel einschließlich der Menschenfeindlichkeit und ihres Versuches sich als Teil der Arbeiter*innenklasse zu vermarkten/darzustellen, obwohl beide es nicht sind.

Einleitung

Am Donnerstag, den 19. Februar veröffentlichte die Gruppe Furore Bochum ein Mobivideo zum 8. März in Bochum (Für alle die kein Instagram haben hier abrufbar – falls es nicht lädt per “save page as” runterladen.) Dieses beinhaltet die Darstellung von mehreren Mordversuchen und Auszüge aus dem Lied „Giftmord“ der Raperin Ikkimel.

Bevor hier wer mit klugen Belehrungen ankommt, wir wissen um den Hintergrund des Liedes, welches Bestandteil einer Auseinandersetzung mit dem patriarchalen Fitnessinflucencer Aaron Boadu ist.

Also; wenn Leute irgendwelche sexistischen Macker umbringen wollen und dies in ihren Liedern besingen, ist das ihre Sache. Wenn es musikalisch passt, würden wir es uns ggfs sogar anhören. Auch wenn wir Folkpunk vorziehen.

Aber darum geht es nicht. Hier wird nicht gegen Macker gerappt, sondern gegen Sexarbeiter*innen, deren Angehörige, Menschen mit Allergien, Babys, trans Personen und Betroffene von sexualisierter Gewalt.

Und nein, es ist auch keine Satire – Satire stellt gesellschaftliche (Macht-)Verhältnisse oder Konzepte in Frage und reproduziert sie nicht einfach, oder nutzt sie gar in irgendeiner Weise, die nach unten tritt. Das ist dann einfach nur Zynismus.

„Hurensohn“ – Doppeltes Patriarchat

Für Menschen, die aus der akademischen, feministischen Klasse kommen und daher vielleicht von Staat und Kapitalismus zu indoktriniert sind, um die Realität wahrnehmen zu können; erklären wir einmal was den Begriff Hurensohn so menschenverachtend macht.

Erstens richtet er sich gegen Sexarbeiterinnen, sonst wäre es ja keine Beleidigung deren Kind zu sein.

Zweitens macht er Kinder für das Verhalten ihrer Eltern verantwortlich. Ein klare patriarchale Abstammungslogik.

Drittens geht noch mehr damit einher: „Hurentochter“ wird ja nur sehr selten benutzt. Mit Hurensohn wird also ausdrücklich das Ansehen eines männlichen Familienmitglieds mit der Sexualität einer weiblichen Person, in dem Fall die der Mutter, in Verbindung gebracht.

Das drängt dann auch eine gewisse Handlungsaufforderung auf. Wenn das männliche Familienmitglied, in dem Fall der Sohn, sein Ansehen – seine „Ehre“ wiederherstellen will, muss die Sexualität des weiblichen Familienmitglieds, in dem Fall die der Mutter, kontrolliert werden. Mehr Patriarchat geht kaum.

Seitenbemerkung: Sexarbeit befriedigt ein Grundbedürfnis – akademisches Rumgemackere nicht

Gegenüber anderen Jobs ist Sexarbeit bei Vielen verschrien. Das hat mit patriarchaler Sexualmoral, Klassenherrschaft und Staatlichkeit zu tun.

Hierzu zitieren wir noch einmal aus dem Instagrambeitrag von Furore:

„Noch immer werden Frauenkörper objektiviert, sexualisiert, ausgebeutet und misshandelt. Von Gleichberechtigung sind wir noch weit entfernt!“

Das stimmt. Aber es wird nicht ausschließlich mit Frauen und vor allem nicht nur mit ihren Körpern getan. Das staatliche, patriarchale, kapitalistische und koloniale System objektifziert genauso das Denken und Fühlen von Frauen.

Warum also dieser Fokus auf Körper und was hat das mit Sexarbeit zu tun?

Im Patriarchat wird der Wert von (cis endo) Frauen mit der vermeintlichen Reinheit ihres Körpers in Verbindung gebracht. Frauen gelten als weniger wertvoll, wenn sie mit vielen Menschen (insbesondere Männern) Sex haben. Über Sexarbeiter*innen wird oft gesagt, sie würden ihren Körper verkaufen – völlig falsch. Sie verkaufen ja nicht ihren Körper, sondern ihre körperliche Arbeitskraft. Das kann körperliche Folgen haben, geistige Arbeit kann aber auch dem Geist schaden.

Einer Frau, die z. B. als akademische Geistwissenschaftlerin Texte für Staat und Kapitalismus – somit das Patriarchat schreibt, wird ohne regelmäßige Reflektion darüber schnell die …?…

Ihr Geist beginnt sich dem Patriarchat zu unterwerfen und verliert Teile ihrer Empathie und kritischer Denkfähigkeit.

Selbstverständlich passiert das nicht nur mit Frauen, sondern mit allen Menschen, aber in Zeiten, wo Feminismus für viele bedeutet sich ihr „Wissen über das Patriarchat“ aus der Universität zu besorgen und auf die Frauen, die dort Karriere gemacht haben zu hören, ist es besonders hervorhebenswert.

In einer herrschaftsfreien Welt wird es auch weiter ein Verlangen nach Sex geben, aber keinen Bedarf nach den akademischen Texten, die unsere jetzige Gesellschaftsordnung verteidigen (auch Kritik, die zur ihrer Reform statt Zerstörung aufruft)

Niemand aber beschimpft eine Person öffentlich als „Akademikerinsohn“. Schon gar nicht Marxist*innen, deren Heiliger Karl Marx ja auch einen Doktortitel hatte.

Wir sehen, vermeintlich anständige Frauen verkaufen ihren Geist bzw. ihre geistige Arbeitskraft.

Hier zeigt sich auch eine klare Abneigung gegen Menschen aus den unteren gesellschaftlichen Klassen. Frauen aus den unteren gesellschaftlichen Klassen arbeiten vor allem körperlich.

Und sie werden dazu gezwungen es zu tun – nicht von ihren Kund*innen – sondern von Staat und Kapitalismus, die den Menschen ihre Lebensgrundlagen/Produktionsmittel genommen haben.

Noch eine letzte Bemerkung: Sexarbeit findet nicht ausschließlich in Bordellen, Hotels oder auf der Straße statt. Monogame Beziehungen sind in der Regel eine Form von Sexarbeit. Eine Form von Tausch von Intimität, sexuelle Befriedigung und Romantik gegen andere Güter.

Ist Monogamie schriftlich vereinbart und vom Staat abgenickt, nennt sich das dann Ehe.

Und bevor es falsch verstanden wird, mit Monogamie meinen wir nicht zwei Menschen, die einfach rein aus ihren …?… Mit Monogamie meinen wir die Norm und emotionalen Druck dazu. Das Verlangen nach Treue zum Vaterland, Verzeihung zur*zum Partner*in: „It is their body and emotions, not your choice.“

Lieder aus der feministischen Szene, in denen das Ende der Ehe gefordert wird oder Menschen als „Ehekind“ beleidigt werden, gibt es dabei im heutigen Feminismus fast gar nicht.

Ehe und Monogamie sind für viele (auch marxistische Feminist*innen), das „anständige“ Patriarchat. Das liegt größtenteils an der Integration des Feminismus in den Staatsapparat und ihrem daraus entstehenden bürgerlichen Lebensstil.

Denn während der Staat auch weiterexistiert, wenn Sexarbeitende indirekt oder direkt kriminalisiert werden, so braucht der Staat die Monogamie genauer wie die Ehe.

Es gibt weltweit keinen Staat ohne sie (Es ist auch Monogamiem wenn nur ein Geschlecht mehrere Ehepartnerinnen haben darf).

Ohne die Ehe lässt sich das staatlich-kapitalistische Eigentumsrecht nicht aufrechterhalten. Der Staat braucht klare Verwandschafts- und Beziehungsverhältnisse, um zu bestimmen, wer Eigentum erbt und allgemein Steuern zahlen muss bzw. wer für den „Unterhalt“ von Kindern aufzukommen hat. Das Kinder nicht Teil einer starken solidarischen Community sind, sondern Eltern und maximal eine Handvoll weiterer Bezugspersonen sich um sie „kümmern“, macht es dem Staat möglich, sie nach seinem Willen zu kontrollieren und zu formen.

Staatliche Bestrafung von engen Beziehungen außerhalb der patriarchalen heute (Klein)-Familie.

Die Antwort marxistischer Feminist*innen hierauf ist es, dem Staat mehr Macht zu geben.

Der Staat soll die patriarchale Familie nicht mehr ergänzen, sondern völlig ersetzen.

(Vergleiche Die Familie im Kommunismus).

Weil Marxist*innen sich diesem Zusammenhang von Staat und Patriarchat nicht stellen können, ist es für viele von ihnen einfacher, die Erhaltung des Patriarchats auf jene Teile der Arbeiter*innenklasse, wie Sexarbeiter*innen, zu projizieren, die Marx „Lumpenproletariat“ genannt hat.

Wenn Sexarbeit als der Tausch von sexueller Arbeitskraft nach einer marxistischen Revolution dann nicht verschwindet, weil Staaten auf Eigentum und Ausbeutung beruhen, wird der Fehler nicht im staatlichen Ansatz gesucht, sondern in Teilen der Arbeiter*innenklasse.

Die Folge daraus ist die Vorstellung, Sexarbeitende seien moralisch verdorben und müssten umerzogen werden.

Furore: Gewalt/Unterdrückung gegen Sexarbeiter*innen als Feminismus

Die ganze Aktion von Furore könnte jetzt ein ziemlich beschissener Ausrutscher sein, aber nein, die Gruppe Furore feiert ganz offen eine Person, die Sexarbeiter*innen unterdrückt hat. Sie macht nämlich während der feministischen Wochen eine Veranstaltung, wo sie einen Text von Alexandra Kollontai liest. Ohne Kollontai in irgendeiner Form und ihre Unterdrückung einzuordnen.

Kollontai war eine zentrale Funktionärin der Bolschewiki.

Und das Ganze passt perfekt ins Gesamtprogramm von Furores Aktivitäten. Bereits mehrmals gab es ihrerseits Veranstaltungen, die ihre bolschewistische Ausrichtung klar machten, zum Beispiel zu Clara Zetkin, die in den Schauprozessen der Bolschewiki mitwirkte. Oder sie organisieren Vorträge zu marxistischen Feminismus, wo dieser als einziger nicht-bürgerlicher Feminismus dargestellt wird, ohne auch nur zu erwähnen, dass es auch Anarchistinnen gab.

(Kleiner Seitenhieb: Marxistischer Feminismus ist vor allem Feminismus, der glaubt, ein einzelner akademischer Typ hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen – sehr anti-patriarchal und unbürgerlich).

Zurück zu Kollontai: Alexandra Kollontai hat dafür argumentiert Sexarbeiter*innen in Arbeitslager sperren zu lassen und dies wahrscheinlich auch umgesetzt. Nachzulesen in dieser Rede:

„The person who does not work and who lives off someone else or on an unearned wage harms the collective and the republic. We, therefore, hunt down the speculators, the traders and the hoarders who all live off unearned income. We must fight prostitution as another form of labour desertion.“

(„Die Person, die nicht arbeitet und von jemand anderem oder mit einem unverdienten Lohn lebt, schadet dem Kollektiv und der Republik. Wir jagen daher die SpekulantInnen, die HändlerInnen und die Hortenden, die alle von unverdienten Einkommen leben. Wir müssen die Prostitution als eine andere Form der Arbeitsdesertion bekämpfen.“)

Unter Lenin und Stalin, denen sie beiden in hochrangigen Funktionen diente, erging es Sexarbeiter*innen bekanntlicherweise ebenfalls oft nicht sehr gut.

Lenin gab u. a. diesen Befehl:

„You must strain every effort, appoint three men with dictatorial powers (yourself, Markin and one other), organise immediately mass terror, shoot and deport the hundreds of prostitutes who are making drunkards of the soldiers, former officers and the like.“

(„Sie müssen jede Anstrengung unternehmen, drei Männer mit diktatorischen Befugnissen ernennen (sich selbst, Markin und einen Anderen), sofortigen Massenterror organisieren, die Hunderte von Prostituierten erschießen und deportieren, welche Soldaten, ehemalige Offiziere und ähnliche zu Drunkenbolden machen.“)

Und hier mal einige Schilderungen, wie Frauen im Gulagsystem behandelt wurden.

Das ist der Feminismus für den Kollontai steht. Sie beteiligte sich ihr Leben lang am bolschewistischen Regime. Sie unterstützte Stalins Regierung bis zu ihrem Tod – 1952.

Von der Niederschlagung der Revolution in Russland und des Rät*innensystems zwischen 1918-1922 ganz zu schweigen.

Mit ihrer Vorliebe für Kolontai zeigen Furore vor allem eins; für sie sind eben nur ganz bestimmte Frauen vollwertige Menschen. Sexarbeiter*innen, Anarchist*innen, nicht-boleschwistische Kommunist*innen und Millionen von Arbeiter*innen und Bäuer*innen sind es nicht. Genauso wenig die Indigenen, welche die UdSSR kolonisiert hat.

Furore, die sich vermeintlich gegen Ausbeutung und Kapitalismus stellen, sind daher vor allem eins nicht, Freund*innen der Arbeiter*innenklasse oder anders formuliert, Furore sind Betrüger*innen der Arbeiter*innenklasse.

Ikkimel und Kollontai– Akademische Mittelschicht und Elite, die sich als Proletariat verkauft.

Das gleiche gilt auch für Kollontai und Ikkimel. Kollontai entstammte einer großbürgerlichen und adeligen Familie. Sie konnte zu ihrer Lebzeit studieren, was damals für Frauen aus der Arbeiter*innenklasse unmöglich war.

(Mal zum Vergleich, von den sehr bekannten Anarchistinnen aus der Zeit wie Olga Taratuta, Fanya Baron, Lucy Parsons und Emma Goldmann hat niemand studiert).

Kollontai war also ein Kind der Oberschicht, übrigens genauso wie Lenin und Clara Zetkin, das persönlich Karriere im Staatsapparat gemacht hat.

Ikkimel hat sich bisher noch nicht an einer massenmörderischen Konterrevolution beteiligt, macht in ihren Texten aber auf ähnliche Weise auf proletarisch, wie es viele der Bolschewiki getan haben.

Sie ist in den recht bürgerlichen Berliner Stadtteilen Tempelhof und Lankwitz aufgewachsen und hat dort das Beethoven Gymnasium besucht. Anschließend studierte sie Sprachwissenschaft an der FU Berlin. Heutzutage ist Studieren ein nicht mehr so ganz krasses Klassenprivileg wie zu Zeiten von Kollontai, aber eine Sprachwissenschaftlerin benutzt den Begriff „Hurensohn“ ganz bewusst.

Es ist klar warum, sie will edgy wirken, um sich vermarkten zu können. Dabei Sexarbeiter*innen abzuwerten ist ein Preis, welchen sie diese gerne zahlen lässt: Eine Akademikerin, die Profit aus Angriffen gegen die Arbeiter*innenklasse zieht. Ganz wie Kollontai bei und nach der Niederschlagung der Russischen Revolution.

Frauen, die (patriarchale) Männer sein wollen.

Das Feiern sowohl von Ikkimel als auch Kollontai ist Ausdruck eines Feminismus (und Marxismus), der gescheitert ist und keine reale Version einer Welt ohne Patriarchat zeichnen kann.

Und dabei sich entweder in die Illusion einer guten Sowjetunion/Diktatur flüchtet oder in einen konsumeristischen Nihilismus (nicht zu Verwechseln mit einem Nihilismus, der die jetzige Gesellschaft ablehnt).

Kollontai steht für die Frau, die die staatliche Macht ergriff, um der Welt den Kommunismus zu bringen. Dabei tat sie damit genau das Gegenteil. Das Furore ihrer gedenkt, statt der Revolutionäre*innen, die die Bolschewiki ermordeten, folterten und vergewaltigten, ist Ausdruck des Wunsches nach einer Autorität, zu der aufgesehen werden kann – Ausdruck des Wunsches nach einem (patriarchalen) Mann. Und Kollontai, in ihrem Streben nach Herrschaft – hat sich selbst zum (patriarchalen) Mann gemacht – zum Menschen, der bereit ist, ungeachtet der Folgen für Andere den eigenen…?… – zum Menschen, der die Anderen nach dem eigenen Vorbild formen und erziehen will – statt ihnen auf Augenhöhe verletzlich und respektvoll zu begegnen.

Ikkimel, ohne sie mit der hochrangigen Beteiligten einer Diktatur gleichsetzen zu wollen, steht für Ähnliches: Nicht für staatliche Umerziehung zum „Sozialismus“, sondern im kapitalistischen Konsum und emotionaler Härte. Es geht um Geld. Macht. Sprüche, Sex und „Beziehungen“ ohne Verantwortung für Verletzungen. All das feiert Ikkimel in ihren Texten. An dieser Stelle wollen wir klar stellen, dass wir überhaupt keine Probleme damit haben, wenn Leute mit vielen Menschen (auch gleichzeitig) Sex haben. Erneut, Monogamie – also die Vorstellung, das der*die Partner*in untreu sei, weil sie jemanden anderen liebt oder Sex mit ihm*ihr hat, ist zutiefst patriarchal. Es folgt der Logik:

„Their Body, my Choice.“ Wenn zwei Menschen ausschließlich Sex miteinander haben, ist das völlig in Ordnung. Das Problem ist der emotionale Druck auf andere, dies zu tun.

Aber Sex, auch mit Fremden und ohne längere Bindung, sollte wie jeder Sex, immer auf gegenseitigem Respekt und Empathie beruhen.

Das Ikkimel diese Empathie fehlt, zeigt ihre Darstellung von BDSM oder was sie dafür hält. BDSM wird in vielen ihrer Videos mit (nicht konsensueller) Gewalt gleichgesetzt und als Machtmittel missbraucht.

So auch im Song “Mami”, wo sie eine Person, die wohl ein Mann sein soll, mit verbundenen Augen (während sie die Rolle der Dom einnimmt) in ein Messer laufen lässt. Die dargestellte Person steht dabei für das feministische Klischee des Patriarchats – alter weißer Mann aus den unteren gesellschaftlichen Klassen, welcher pöbelnd vorm Fernseher sitzt. Danach tötet Ikkimel eine weitere Person, die wohl einen Mann und ihren Beziehungspartner darstellen soll. Auch dies wird als eine Art – BSDM – Machtspiel von ihr dargestellt. Außerdem werden die Personen als HS – „Hurensohn“ bezeichnet.“

Übrigens ist das kein Argument gegen starke Gewalt in Medien, aber was Ikkimel tut, ist eben nach unten treten gegen ausgelutschte Männlichkeitsklisches.

Wir stellen uns vor (das ist kein Aufruf dazu es tun), welche Empörung und sehr wahrscheinliche Strafverfahren es auslösen würde, wäre dort jemand aus den gesellschaftlichen Eliten dargestellt.

Aber den Mut, so was zu produzieren hat Ikkimel nicht.

Ableismus, Eugenik, Transfeindlichkeit und Verherrlichung von sexualisierter Gewalt

Wenig verwunderlich ist es dann auch, dass neben der Abwertung von Sexarbeiter*innen im Song „Giftmord“ außerdem Ableismus, Eugenik, Transfeindlichkeit und sexualisierte Gewalt gefeiert wird.

„Ich bleib’ ruhig und merk’ mir seine Allergien, Babe. Dann misch’ ich ihm ‘ne Erdnuss unter sein’n Proteinshake“ – es wird also gezielt eine Allergie ausgenutzt, um eine andere Person zu töten.

Später verkündet Ikkimel dann ihre biologistische Sicht auf Geschlecht:

„Babys sind doch süß, es sei denn, es sind Jung’n Im Notfall treib’ ich ab, mit Alk und Mephedron.“

Hiet wird klar gesagt, es gebe männliche Babys. Da Babys nicht ihre selbstbestimmte Geschlechtsidentität kommunizieren können – kann ihr vermeintliches „Geschlecht“ nur anhand ihres Körpers bewertet werden. Anders ausgedrückt: Babys mit Penis/Hoden sind für Ikkimel männlich. Das ist transfeindlich, weil sie Geschlecht als binäre biologische Kategorie sieht.

Das ist außerdem Eugenik gegen (zukünftige) trans Frauen, nicht-binäre Personen und inter Menschen.

Wir stellen uns vor, sie würde singen, dass sie alle Babys mit einer bestimmten Hautfarbe abtreibt…

Doch ein Feminismus, der nur in ” Frauen gut und Männer böse ” denkt, oder zumindest öffentlich rummackert, kann nicht anders. Er braucht einfache Feindbilder. Wirklich zu hinterfragen was Männlichkeit, Weiblichkeit und das Patriarchat ist, dafür müsste beim Party machen und Drogen nehmen mal zwischendurch Pause gemacht werden. Macht halt keinen Spaß sowas.

Das letzte menschenverachtende Element ist das Feiern von sexualisierter Gewalt.

Von der auch zahlreiche Männer betroffen sind: https://www.nsvrc.org/blog_post/research-follow-how-often-are-men-sexually-harassed-or-assaulted/.

Schlusswort

Wir könnten jetzt noch viel zu einem „Feminismus“ schreiben, den es nur um Show-Werte geht und rumgemackere. Übergeben das abschließende Wort aber lieber an Chumbuwamaba:

„All truth is opinion, believe me
Discussion has become a privilege
Creativity is a salesman’s PR exercise
Style is the new currency.“

(Chumbuwamaba – Seven Days)

PS: Übrigens bevor die üblichen Angriffe kommen, dieser Text wurde ganze ohne Beteiligung von Männern geschrieben.

PPS: Die anarchistische Gruppe Fanny’s and Fanya’s organisiert zum Thema Autoritären Feminismus am 29. März einen Workshop in Bochum. Vielleicht ein guter Startpunkt damit sowas in Bochum nicht weiter passiert: https://fannysandfanyas.noblogs.org/post/2026/03/01/am-29-03-workshop-selbstorganisation-gegen-patriarchat-und-autoritaren-feminismus/

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